Maske

maske von dana berg


(I) Die Maske als Kaufobjekt


Als ich die Pandemie erstmals ernst nehme, ist mein sofortiger Impuls der Kauf einer Mundnasenmaske. Ich weiß nichts vom Wirken des Virus, aber ich weiß, wie bisherige Virenausbrüche bebildert waren: Menschen tragen Masken. Eine Maske verspricht Schutz.


Ich stehe in der Apotheke, ich versuche zu kaufen, ich scheitere. Der Grund dafür ist Scham. Mich beschämt der Gedanke, eine Maske zu tragen und damit den Mitmenschen erkennen zu geben, dass ich von etwas überzeugt bin, der Gefahr. Ich nehme an, in der Kultur dieses Landes ist das Tragen von Masken verpönt. Es gilt als hysterischer Akt, der nichts Abgeklärtes und Furchtloses hat. Die Apothekerin bemerkt meine Zweifel, sie setzt alles daran, diese zu stärken. Im Folgenden verlasse ich die Apotheke mit einem Bund butterbrotpapierdünner und deshalb nutzloser Einmalmasken.


(II) Die Maske als Zeichen der Selbstlosigkeit


Bald darauf erstehe ich eine wirksame Maske. Es ist ein doppelt samaritischer Akt. Ich kaufe die Maske bei Bekannten und unterstütze sie damit finanziell in der Krisenzeit. Und: Mit dem Tragen der Maske schütze ich nicht mich selbst, sondern meine Mitmenschen. Ich stelle das Wohlergehen anderer über das meine. Die Maske zu tragen, verschafft mir ein Gefühl der Barmherzigkeit.


(III) Die Maske als Zeichen der Schäbigkeit


Ist die Maske anfangs Ausnahme, wird ihr Fehlen nach Wochen das, was auffällt. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf dieses Fehlen lauere, wie ich den Menschen ohne Maske bewerte. Ich starre die Maskenlosen an. Sie fallen mir auf, sie wecken Emotionen. Ich finde sie antisozial, unsolidarisch. Sie bedrohen meine Gesundheit und die von anderen. Im Gegensatz zu mir handeln sie egoistisch, stellen Eigennutz über Gemeindewohl.


Deshalb ordne ich die Maskenlosen in Gruppen ein; mehrheitlich sind es Männer, unter ihnen nicht selten Hundebesitzer und Rennradfahrer. Ich suche das Bahnabteil nach den Maskenlosen ab. Ich scanne den Sitz von Masken auf Gesichtern, schaue, ob die Nasen bedeckt sind. Ich kontrolliere. Es ist ein spießiges Verhalten, linientreu, konformistisch, dogmatisch. Die Maske verwandelt mich in eine Chimäre aus Wohlschützer und Kontrolleur.




(IV) Die Maske als Symbol


Im Verlauf der Pandemie wird mir die Maske zu einem willkommenen Symbol der Veränderung. Ich sehe Menschen ins Gesicht und dort, wo ich ansonsten Regung sehe, ist die Pandemie. Die Maske ist auffällig, sie will bemerkt werden. Sie ist das offensichtliche Zeichen dafür, dass die Zeit eine andere geworden ist. Dass ich anders geworden bin. Es kostet nun keine Überwindung mehr, sie anzulegen.




(IVa) Die Maske als Symbol II


Durch ihre Gestaltung drückt die Maske eine Meinung ihrer Trägerin aus. Die Maske trägt das Wappen eines Fußballvereins, das Bild einer Comicfigur, den Nachdruck eines Gemäldes. Jemand trägt eine Maske mit der Aufschrift »Ich hasse Menschen«. Dabei sagt das Tragen einer Maske: Ich sorge mich um Menschen.


(V) Die Maske als Name


Die Maske erhält Namen: Atemschutzmaske, Schnutenpulli, Babbellappe, Maulkörbla, Goschnhalter, Söderlabbn, Gaaferlatz, Blabberdeggl, Mumpfl-Verdegger, Mauldäschle,
Schnüssjardinche, Bützjekondom, Rüsslbulli, Muulwämsken, Gesichtspullover, Gesichtsvorhang, Nuschelmuschel, Seuchensegel, Nasenhängematte, MuNaske, Virenbinde, Lappen, Merkelburka.


In Merkelburka klingen zwei als solche empfundenen Schmähungen mit, beide in Verbindung mit Frauen; einmal die Herrschaft, einmal die Unterwerfung. Für jene, die diese Wortkonstruktion verwenden, muss die Maske die erniedrigende Verbindung von beiden sein, verkörpert die Maske eine doppelte Unterordnung, eine Degradierung.


(VI) Die Maske als Gegnerin


Jemand ruft mir zu: »Ich will diese verdammte Maske einfach nicht im Gesicht haben.« Der Ausruf ist Endpunkt eines Streitgesprächs über die Gefährlichkeit des Virus. Alle Argumente, alle verschiedenen Fakten, aller Dissens, alle Wut kulminieren in diesem Satz: ICH WILL DIE VERDAMMTE MASKE NICHT IM GESICHT HABEN.


Die Maske ist aus Stoff und der Stoff sitzt auf der Haut, drückt dagegen, spannt. Die Maske reibt sich unter meine Nase. Sie ist eine penetrante Begleiterin. Anders als der Sicherheitsgurt im Auto, der ebenfalls schützt und dabei auf den Körper drückt, lässt sich die Maske beim Tragen nicht vergessen. Ich spüre ihren Stoff auf meinen Lippen, atme den Geruch des Stoffes, schmecke den Stoff, spüre einschneidend die Gummibändchen, die Maskenränder schieben sich in mein Gesichtsfeld. Mehr noch: Ich muss entgegen meiner Überzeugung, dass die Maske sinnvoll ist, die Maske aktiv über mich legen, mich damit bedecken, muss mich dahinter verstecken.


Mit Maske kann ich der Welt nicht mutig oder verächtlich entgegentreten. Ich ducke mich hinter einem lächerlichen, weil unnützen Stück Stoff weg. Indem ich die Maske zeige, zeige ich jedem meine Konformität, ich, der ansonsten eigenbestimmt über sein Leben entscheidet. Mit Maske gebe ich mich zu erkennen als jemand, der Autoritäten folgt. Dabei misstraue ich ihnen. Das lässt die Schmach des Maskentragens doppelt schwer erscheinen: die Maske ist Stigma und zeigt meine Schwäche, weil ich mich ihrer nicht entledige. Die Maske ordnet mich ein, sie zeigt jedem an, wo ich vermeintlich stehe, obwohl meine Geisteshaltung eine andere ist.


Im Gegensatz zu Gesetzen, zu Politikerinnenreden, zu Talkshowdiskussionen, zu wissenschaftlichen Studien und Newstickern ist die Maske etwas, das konkret ist. Die Maske ist konkret und konkret ist sie an mir dran. Ich kann sie greifen, sie greift mich an, wirkt auf vier von fünf meiner Sinnesorgane unmittelbar ein, behindert dabei mein Empfinden. Sie schränkt mich ein. Die Maske macht die Pandemie, die ich nur von Hörensagen kenne, wirklich. Sie ist die unmittelbarste Verdinglichung der fernen Pandemie. Sie ist das Form gewordene Absolute, mit dem Corona die Welt geißelt.


Wenn ich diese Sätze schreibe, rufe ich auch ICH WILL DIE VERDAMMTE MASKE NICHT IM GESICHT HABEN. Es ist der Knotenpunkt aller Ablehnung.


(VII) Die Maske als Müll


Ich sehe eine Maske auf dem Gehweg. Wie ein vom Himmel gefallener Vogel, die Haltebändchen gebrochene Flügel, der Körper, der eigentliche Schutz, beschmutzt. Nahezu jeden Tag finde ich eine solche Maske. Gebraucht und weggeworfen liegt sie auf dem Pflaster. Sie hat Aerosole gefangen und hängt nun an Regenrinnen. Die Maske hat dem Träger gestattet, ein Geschäft zu betreten, ihm vielleicht ermöglicht, ein Geschenk für einen geliebten Menschen zu kaufen. Jetzt liegt sie im Gebüsch, zwischen Disteln und Brennnesseln, ihre Cellulose durchweicht vom dreckigen Regen, der Stoff vollgesaugt von Abgasresten der nun wieder fahrenden Pendlerkolonnen.


Diese Maske war vorvorgestern selten, begehrt und umkämpft, vorgestern wurde sie produziert, genäht und individualisiert, gestern war sie vorrätig in Automaten oder in kleinen Körben nahe der Supermarktkassen, zehn Stück für unter zehn Euro. Heute ist sie Abfall gewordenes Utensil der Pandemie, überflüssig und wertlos, sie wird zum Müll getan, Millionen Masken Müll, Milliarden Masken Müll.


(sp)