Utopie

Vor einigen Jahren befand ich mich in folgender Konstellation: Ich saß mit einem Dichter, der aus Rumänien stammte, und mit einem Dichter, der aus der Ukraine stammte, in einem kleinen Lokal in Dnipropetrovsk. Mag sein, es ist auch meiner post-sozialistischen Herkunft zu verdanken, dass wir uns umrauscht von Wodka und angesichts des Krieges, der in voller Blüte stand (wie nun bald wieder), über die Beschissenheit der Welt wortreich austauschten. Wobei unser ukrainischer Kollege, der nicht allein Dichter, sondern auch studierter Finanzwirtschaftler war, alle Hände damit zu tun hatte, unsere dilettantische, stark emotionalisierte, schändlich „sozialistische“ Sicht der Dinge zurechtzurücken.

Die letzten Sätze unseres ukrainischen Kollegen lauteten: „Es gibt keine Alternative zu diesem System (:der sogenannte Neoliberalismus). Jeder Versuch eines Eingriffs, würde die Welt zum Kollabieren bringen.“ Er sei Wirtschaftswissenschaftler, wir könnten seiner Expertise beruhigt vertrauen. Keine Alternative. Ich übersetze einmal: Keine Alternative bedeutet Schicksal. Basta.

Der Abend bleibt mir unvergesslich, ich schämte mich bis in meine Kniekehlen hinab, ich fühlte mich, wie ein dummes Pubertier, das die großen Fragen besser den Erwachsenen überlassen sollte. Ich glaubte ihm, wenn auch widerwillig, schließlich hatte er Wirtschaft studiert und ich nicht. So einfach. Heute, nach mehr als einem Jahr Pandemie, würde ich gerne beherzt die Krümel von der sozialistischen Kittelschürze schütteln und ihn noch einmal fragen, diesmal hätte ich einen anderen Experten im Gepäck: Friedrich von Hayek. The godfather of economy. „Der (wie Walter Otto Ötsch schreibt), insbesondere in seiner Theorie des „Wettbewerbs als Entdeckungsprozess“ eine Utopie formuliert, deren Besonderheit darin besteht, dass sie versucht, jeder anderen Utopie – gleich welcher Richtung – ihre Berechtigung zu entziehen. Denn hier wird „dem Markt“ bzw. „der erweiterten Ordnung“ eine Übervernunft zugeschrieben, die von keinem menschlichen Wesen kognitiv zu bewältigen ist. Hayek landet folgerichtig bei dem Bild, „den Markt“ wie einen Gott anzusehen und ihm gottgleiche Attribute zu verleihen.“

 

Freilich, es ist schwer Nicht-Orte zu denken, es fällt uns nicht einmal leicht, unsere eigene Zukunft zu imaginieren, da uns bereits die Gegenwart maßlos überfordert und wir auf die heilige Frage der „Karrierebibel“ („Wo sehen sie sich in 5 Jahren?“) ehrlicherweise antworten müssten: Am Abgrund. Glauben wir lieber den Statistiken, als den Freunden Margret Thatchers, so ist die Gefahr einer Entgleisung (auch in dieser sogenannten verwestlichten Wohlstandswelt) des Karriere-ICEs mehr als wahrscheinlich. Eben noch Anwalt, nun schon arbeitslos. Was vor einem Jahr, den meisten, noch wie eine unwahrscheinliche Dystopie erschien (ein sehr hässlicher Nicht-Ort), ist inzwischen Wirklichkeit. Sehr viel wirklicher übrigens, als das Geld, dass uns von diesem Abgrund trennt. Geld, das wiederum nichts anderes als eine Erfindung ist, von der manche sehr viel und manche wenig, bis nichts besitzen. Der Gottine sei es gedankt, es gibt genug von dieser Erfindung, sie gedeiht, sie mehrt sich auf wundersame Weise, wie der Einzeller des Jahres 2007 in der Petrischale. Es ist nur, wie Intelligenz, sehr, sehr ungerecht verteilt, was uns nicht weiter stört, denn es gibt ja keine Alternative, naseweisen uns jene Experten, die eifrig an dieser Verteilungsmaschine mitgearbeitet haben und natürlich reichlich davon profitieren. Das nennen andere Experten eine Plutokratie, die einer Dystopie erschreckend ähnlich sieht, aber keine ist, sondern Wirklichkeit. So wirklich, wie das kleine, unsichtbare Virus, dass unserer Einfallslosigkeit ebenfalls eine lange Nase zieht. Es gestattet uns einen kleinen Ausblick, auf eine Welt von morgen, wir sind nicht länger genötigt, uns das Nichtvorstellbare vorzustellen,  wir müssen nur zum analogen Fenster heraus- oder zum digitalen hineinsehen. Die Freund*innen der Natur klatschen begeistert in die Hände: Die schweigsamen Buckelwale geraten unversehens ins Plaudern, den Pinguinen in Südafrika ging es in unserer Gesellschaft doch nicht so gut, wie gedacht, selbst die Meeresschildkröten können in Ruhe ihren dezimierten Bestand aufforsten. In Indien sieht man zum ersten Mal nach 30 Jahren den Himalaya und in L.A. einen Himmel. Das ist doch was. Nämlich real gewordene Utopie, schlicht Wirklichkeit. Das ist aber nicht genug und ich befürchte, der kleine Ausblick schließt sich bald wieder und da wir weniger lernfähig sind, als selbstfahrende Autos, werden wir den Himmel über L.A. wohl bald wieder vom Flugzeug aus betrachten müssen. Die Welt kollabiert übrigens so oder so. Der Großvisionär Stephen Hawking gab uns (vor einigen Jahren, möchte ich bekennende Bedenkenträgerin zu bedenken geben) noch 100 sportliche Jährchen, dann ist die Menschheit futsch. Für die einen ist Zeit genug, die Beine im Flieger über L.A. hochzulegen und auf die Kolonisierung des Mars zu warten, da sie ihr Tickets und ihre Kryonisierung bereits in der Tasche haben, für die überwältigende Mehrheit jedoch, bleibt fraglich, wie wir diese 100 Jahre noch zubringen, ohne uns gegenseitig umzubringen, zu verhungern, zu ertrinken oder zu verelenden. Da wir, Dank Konsorten wie Hayeck & Co, mehrheitlich zu Sitzenbleibern im Fach Utopie wurden und uns schon beruhigen, wenn wir eine Avocado die Woche weniger kaufen (zumindest jene die solche Kaufentscheidungen überhaupt treffen dürfen), haben sich zwei junge Unternehmer aus Berlin an einer Utopie versucht und sind, wie nicht anders zu erwarten, gescheitert (auch an Corona). Wer sich noch immer hämisch die Hände reibt, hat nichts verstanden und wird es wohl nimmermehr. Das Scheitern ist inzwischen umfangreich dokumentiert. Die zwei visionären Einhörner haben etwas grundlegendes Verstanden: Aufmerksamkeit ist die Währung der Stunde und man könnte diese Währung sogar sinnvoll nutzen. (Eine Welt in der Instagram einen Nutzen hätte. WAHNSINN.) Zum Beispiel, um wichtige umweltpolitische Entscheidungen im Eiltempo ins Parlament zu peitschen. „UNF*CK the world“ ist ein Lehrstück über, hach, einfach alles, vor allem jedoch ein sehr trauriges über uns, die notorisch hämischen Händereiber. Wir scheitern an unseren inhärenten Stereotypen, die es verhindern, z.B. das sogenannte hippe Berliner-Start-Up-Milieu ernst zu nehmen, auch wenn wir nicht dazugehören (wollen). Unserm ätzender Zynismus (diesem Fluch des 21. Jahrhunderts), der es uns gebietet, selbsternannte Weltverbesserer und sogenannte Gutmenschen zu disqualifizieren, gar zu stigmatisieren. Naivität ist uns verdächtig und alles was nicht verdächtig scheint, ist erst recht verdächtig. Besonders aber Uneigennutz. Wir können Uneigennutz nicht denken, wir vermuten überall Eigennutz, Bereicherung, Machtstreben. Es ist uns ganz recht, wenn Lobbyisten die Gesetze, die wir sowieso nicht verstehen wollen, heimlich im Hinterzimmer nach ihrem Willen gestalten und wir uns Jahre später fragen, wie konnte das nur passieren. (Siehe Landwirtschaft: Na! Seehofer, altes Haus, ich winke mal flott herüber). Aber wir kreischen auf, wenn zwei Kondomhersteller eine Bürgerversammlung einberufen wollen. Wir scheitern überdies an der elenden Meinshaftigkeit der Welt. Was ich will, sagten sich manche bei Fridays for Future, dürfen nicht noch andere wollen. Dieser Protest ist meins. Welt hin, Welt her. Wir demonstrieren seit einer gefühlten Ewigkeit, sagten sie sich, und die Eventisieren einfach unser Projekt. Schade, sage ich, gemeinsam wäre es vielleicht leichter gewesen. Nun müsst ihr nämlich noch weitere 100 Jahre auf der Straße demonstrieren (Atomkraft ist gerade der neue Hit!), das ist weder sinnvoll für Euch, noch für die Future. Eintritt soll es auch kosten, das kann nur, das musss Bereicherung sein, dumm nur, dass niemand nachgefragt hat, (wobei der Vorwurf der Intransparenz angebracht ist) sondern jeder und jede sich willfährig einem Gerücht andiente, dass Twitter, also der Gerüchtekücher schlechthin, entsprang. Schön, wenn man sich einig ist. Genau hingesehen, hat eigentlich niemand. Macht ja auch Arbeit und wäre weniger unterhaltsam als ein Shit-Storm, zugegeben. Letztlich scheitern wir am System, dass Utopien leugnet, also leugnen auch wir. Instagram und Sinn werden für immer Oxymorone bleiben, daran scheitern letztlich auch die Einhörner, denn die Riesenmaschine, derer sie sich bedienten, ist unkontrollierbar, schrill und egozentrisch. Es war nur eine Frage der Zeit. That’s the game. Was aber, wenn es geklappt hätte, wenn es ein Wissens-Camp gegeben hätte, das unsere demokratischen Entscheidungen unterfüttert hätte. Wenn wir hätten sagen können: Hey, wie schön sie zu sehen, Frau Göpel, erklären Sie es noch mal für uns Sitzenbleiber und Wirtschaftsdeppen. Wenn wir tatsächlich Gehör gefunden hätten, alle, nicht nur die, die 30 Euro zahlen (damit keine Coca-Cola oder Apple Werbung uns von unseren hehren wie stets Träumen ablenkt).  Was, wenn es demokratische Festivals auf der ganzen Welt gäbe, wenn wir von Umverteilung nicht nur träumen könnten, sondern darüber abstimmen. Schließlich, folks, ist diese Form der Ungerechtigkeit schlussendlich der Grund für jene abscheulichen -Ismen und Diskriminierungen, mit denen wir uns plagen, an denen wir leiden oder sogar sterben. Anstatt aber den Schlipsträgern an den Kragen zu gehen, akzeptieren wir lieber ihre perfiden Spielregeln und prügeln uns, um die billigen Plätze. Dabei ist genug für alle da, genug um Adornos zarteste Utopie in die Realität zu überführen: Dass niemand mehr Hunger leide.

Was wäre also, in einer Welt, in der Wählen inzwischen so sexy ist, wie Feinripp Unterwäsche und demokratische Prozesse, so intransparent, bürokratisch und ineffizient, wie das Arbeits-Amt höchstselbst, was wäre, wenn wir aufhörten, an die Utopie vom Ende aller Utopien zu glauben, wenn wir Uneigennützigkeit wieder denken lernen. Wenn wir noch 80-90 nette Jahre in einer gerechten Welt verbringen könnten, in der wir uns beständig fragen, was kann ich für andere tun oder welchen direkten Nutzen, hat mein Tun für andere. Das wär doch mal was. Denn kollabieren wird die Welt so oder so. Die Frage ist nur, auf welche Art und Weise und es wäre doch eine hübsche Aussicht, bei der Verwirklichung unserer Utopie „einer gerechten, fairen Welt“ dabei zu sein. Einmal wenigstens. Das wäre doch ein gelungener Abschluss für dieses seltsame Projekt namens Menschheit, bevor der Vorhang für immer fällt.

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