(I)
Als Kind und Jugendlicher las ich Bücher über die Zukunft. In der Bibliothek und den Schränken meiner Eltern standen Jules Verne, Kir Bulytschow, Georgi Martynow, auch Stanisław Lem und die Brüder Strugazki. Ihr Genre hieß nicht Science Fiction, ich las utopische Bücher. Die Zukunft und Utopie waren eins. Später erst kam Science Fiction, kamen Star Trek und Star Wars, Alien und Terminator, kamen die Dystopien, kamen 1984, Do Androids Dream of Electric Sheep?, Der Report der Magd und The Road. Ich lernte den Unterschied zu verstehen zwischen Zukunftsgeschichten, Utopie und Dystopie. Verstand im Rückblick, dass das Kinderbuch Der Affenstern eine Dystopie war und die Bücher von H.G. Wells auch davon erzählten, eine Dystopie abzuwenden.
(II)
Mein Sohn wünscht sich ein Buch über Roboter. Das Buch erzählt keine Geschichte, es soll Wissen vermitteln. Auf den ansprechend gestalteten, zum Teil mit aufklappbaren Elementen versehenen Doppelseiten wird eine wunderbare Welt entworfen; eine Zukunft, in der Roboter den Menschen schwere und eintönige Arbeit abnehmen: Maschinen löschen Feuer, retten Verschüttete, erforschen Meere und Planeten, kümmern sich um Kranke, sorgen dafür, dass der Kühlschrank immer voll ist und ich rechtzeitig aufwache. Das Robotersachbuch für Kinder ist ein utopisches Buch.
In derselben Woche, in der ich von den Robotern vorlese, lese ich vom Pine-Island-Gletscher. Seine Eisfläche macht zehn Prozent des Westantarktischen Eisschilds aus. Durch die erhöhten Temperaturen bricht er ab. Wissenschaftler:innen sprechen davon, dass der Kipppunkt erreicht ist und sein Schmelzen unumkehrbar ist. Dieser eine Kipppunkt – die Wissenschaft hat vierzehn solcher Kipppunkte definiert – wird zu einem Ansteigen des Meeresspiegels um bis zu drei Meter führen.
Ich glaube, in der Zukunft wird beides existieren – das robotisierte Haus und die verschwundenen Küstenstädte. Utopie und Dystopie werden – räumlich getrennt – auf der Erde sein, so, wie auch heute schon Utopie und Dystopie zugleich sind: das selbstfahrende Auto in Silicon Valley und die Öllecks in Nigeria.
(III)
Am Anfang der Pandemie gab es utopische und dystopische Erwartungen. Beide sind eingetreten: Millionen Tote, Massengräber, menschenleere Städte. Und PopUp-Radwege, weniger Flugreisen. Was sind die Fragen, die ich an dieses Nebeneinander habe? Die Frage nach der Balance? Kann ich die Situation in Manaus gegen einen Radweg stellen? Auf welcher Weise funktioniert ein solcher Vergleich? Frage ich nach der Stetigkeit? Die Coronatoten sind gestorben, die Einschnitte in die Lebensläufe dauerhaft. Was ist mit den Radwegen? Bleiben sie über die Pandemie hinaus, wird zukünftig weniger geflogen werden?
Wie definiere ich Utopie und Dystopie? So wie für mich eine autofreie Innenstadt eine Utopie darstellt, ist das für andere eine Dystopie. Für andere ist eine helle Zukunft eine, in der die Geschlechterrollen so ausgefüllt werden, wie sie in der Pandemie waren. Für den, der superreich ist, ist die Pandemie eine Utopie, denn er hat sein Vermögen vergrößern können.
Was ich mich frage: Warum gilt es als naiv, eine Utopie zu entwerfen? Warum ist es unrealistisch, an eine bessere Welt zu glauben und dafür etwas zu riskieren? Warum finden jene Gehör, die erklären, weshalb Verändern nicht möglich ist, weshalb das sogenannte System immer Widerspruch einlegen wird? Schlimmer noch: Warum verlieren jene, die für die Utopie streiten, den Glauben daran, warum gibt der Verlauf der Pandemie den Bedenkenträger:innen recht, wenn sich zeigt, wie schwer doch ein Verändern ist, wie kleinteilig alles verläuft.
(IV)
In den Zukunftsfabriken werden die Künstlichen Intelligenzen entworfen. Es sind Utopien: Sie rechnen verpixelte Bilder in hochauflösende Fotos um, erkennen Gesichter, sie schreiben. Was die Intelligenzen brauchen, ist Training. Sie trainieren ihr zukünftiges Denken anhand von gegenwärtigen Daten, sie bringen es sich selbst bei. Doch weil die Daten schon alle Widersprüche und Ungerechtigkeiten der Gegenwart in sich tragen, nimmt die KI diese Ungerechtigkeiten ungerührt in sich auf. Toxisches Feedback. Die zukünftige bessere Welt beruht auf der schlechteren Welt von heute. Je mehr verzerrte Daten die KI als Grundlage ihrer Intelligenz nutzt, desto aufwendiger wird es, eine ausreichende Menge an biasfreien Daten dem entgegenzustellen. Je schneller die KI klüger wird anhand der heutigen Daten, desto schwerer wird es, ihr in Zukunft den Hass auszutreiben. Das Zeitfenster schließt sich, die KI wird die erhoffte Utopie doch nur als Gegenwart fortschreiben.
(V)
Das Zeitfenster schließt sich. Jetzt, am vermuteten Ende der Pandemie. Ich eile nach draußen, ich trinke Aperol Spritz. An die Utopie denke ich nicht. Seit sechs Monaten sitze ich an diesem Text. Sechs Monate schreibe ich an der Utopie. Es fühlt sich an, als habe ich gerade erst damit begonnen.
